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Stockholm 2012 (Musik der Finsternis)

Wayne´s Coffee, Stockholm im Mai 2012

Stina: Hej Tim, herzlich willkommen in Stockholm. Du hast dich lange nicht blicken lassen. 


Tim: Hej Stina. Ja, das stimmt. Es gab einfach zu viel zu tun. Aber ich freue mich auch, wieder einmal hier zu sein. Ich liebe diese Stadt. Und die Zimtschnecken. Übrigens, vielen Dank, dass du dich bereit erklärt hast, dieses Interview mit mir zu machen.


Stina: Nichts zu danken. Aber eigentlich kommt diese Stelle ja erst am Ende des Interviews. Und eigentlich müsste ich dir danken. 


Tim: Aber in diesem Fall habe ich dich ja um das Interview gebeten. Also habe ich zu danken.


Stina: Möchtest du kurz erzählen, wie es zu dieser Idee kam? Dass du mich gefragt hast, ob ich ein Interview mit dir machen möchte.


Tim: Meine in diesen Tagen erscheinende Kurzgeschichte „Musik der Finsternis“ ist der Beginn einer Reihe namens „A tribute to…“, deren Idee mir schon seit vielen Jahren durch den Kopf geht. Ich freue mich, mit dieser Geschichte den Anfang gemacht zu haben. Ursprünglich hatte ich ein Nachwort zu „Musik der Finsternis“ geplant, in dem ich die Idee dieser Reihe skizzieren wollte. Irgendwann kam mir die Idee, das Ganze als Interview umzusetzen.


Stina: Wie kamst du darauf?


Tim: Ich habe einfach überlegt, wie man ein Nachwort lebendiger gestalten könnte. Typischerweise handelt es sich hierbei ja um einen Monolog. Ein Dialog erschien mir unterhaltsamer. 


Stina: Also hast du dir selbst jemanden gesucht, der dieses Interview mit dir führt.


Tim: Ich weiß, es klingt ein wenig merkwürdig, aber ja, so ist es gewesen.


Stina: Wie bist du auf mich gekommen?


Tim: Weil du mir bessere Fragen stellst, als ich sie mir selbst jemals stellen würde.

Stina: Und weil du wieder einmal nach Stockholm kommen wolltest?


Tim: Auch das. :-)


Stina: Zurück zum Thema. Der Titel der Reihe, die du eben angesprochen hast, lautet „A tribute to…“. Möchtest du etwas dazu sagen? Was genau steckt dahinter?


Tim: Der Gedanke hierzu kam mir, wie gesagt, schon vor vielen Jahren. Es ging darum, die Ideen bekannter Textklassiker, insbesondere von Horror-Kurzgeschichten, aufzugreifen und daraus eigene Geschichten zu entwickeln. Die Texte von denen ich spreche, sind alt. Ihre Autoren sind schon lange verstorben. Irgendwann, in Deutschland zum Beispiel 70 Jahre nach dem Tod, werden diese Texte dann gemeinfrei. Das bedeutet, sie unterliegen nicht mehr dem Copyright ihres ursprünglichen Autors und jeder darf sie benutzen, neu übersetzen, verändern oder völlig anders interpretieren. Ein sehr prominentes Beispiel hierfür ist Stephen King´s „Brennen muss Salem“, das sich allerdings weitaus weniger an dem Original „Dracula“ anlehnt, als ich es mit den Geschichten dieser Reihe beabsichtige.


Stina: Die erste Geschichte, die du dir vorgenommen hast, stammt aus dem Jahr 1922. 


Tim: H. P. Lovecraft schrieb „The music of Eric Zann“ im Dezember 1921, im März 1922 wurde sie erstmals in der Zeitschrift „The National Amateur“ veröffentlicht.


Stina: Warum gerade diese Geschichte?


Tim: Schon als ich sie zum ersten Mal gelesen habe, schrie es in meinem Kopf förmlich danach, die Idee aufzugreifen und meine eigene Geschichte daraus zu machen. Ich war übrigens nicht der Erste, der auf diese Idee kam. Es gibt viele Interpretationen, die sich an das Original anlehnen. Als mir die Idee kam unterlagen die Werke von Lovecraft aber noch nicht der Gemeinfreiheit. Mir war es zu heikel, unter diesen Umständen eine Geschichte zu veröffentlichen, die sichtlich auf dieser Idee basiert. Also hieß es abwarten. 


Stina: Du hast mir erzählt, dass dir von Beginn an klar war, wie deine Version der Geschichte aussehen sollte.


Tim: Ja, das war tatsächlich so. Die Idee meiner „A tribute to…“-Reihe besteht ja darin, die Geschichten so zu schreiben, wie ich sie selbst gerne lesen bzw. erzählen würde. Und in diesem Fall war mir sofort klar, dass ich den verschrobenen, alten Mann namens Erich Zann durch eine junge, attraktive Studentin ersetzen würde. 


Stina: War dir zu diesem Zeitpunkt auch klar, dass die Geschichte einen erotischen Einschlag bekommen würde?


Tim: Das war die logische Konsequenz aus den Figuren, die in meiner Version der Geschichte vorkommen. Ich habe mich nicht hingesetzt und mir überlegt: „Mensch, jetzt schreibst du mal etwas Erotisches.“ Es hat sich einfach entwickelt.


Stina: Du hast die Geschichte also so geschrieben, wie du sie selbst gerne lesen würdest. Gefiel dir das Original nicht?


Tim: Doch, das Original ist großartig. Es zählt nicht umsonst zu den beliebtesten Geschichten von H. P. Lovecraft. Aber ich verspürte einfach den Drang, die Geschichte anders erzählen zu wollen. Meine Fassung soll ja kein Ersatz für das Original sein, aber vielleicht gefällt dem einen oder anderen die Abwandlung ja. Außerdem glaube ich, dass es viele Menschen gibt, die gerne Horror-Kurzgeschichten lesen, denen die Originaltexte der Klassiker aber zu sperrig sind.


Stina: Was genau meinst du mit sperrig?


Tim: Bleiben wir bei den Texten von Lovecraft. Es fällt beispielsweise auf, dass er so gut wie keine Dialoge einsetzt. In der Geschichte „The music of Erich Zann“ wird das noch dadurch verschärft, dass Zann stumm ist und nur über Zettel mit dem Erzähler kommuniziert. Noch einmal: ich würde mir niemals anmaßen, Kritik an den Texten von Lovecraft zu üben. Dafür bewundere ich ihn zu sehr. Außerdem muss man seine Werke im Kontext der Zeit sehen, in der sie entstanden sind. 


Stina: Was ist also dein Ziel?


Tim: Ich möchte meine Leser so gut wie möglich unterhalten. Dabei sollen sie sich ja nicht zwischen mir und Lovecraft entscheiden. Sehr viele werden weiterhin nur die Originalwerke von Lovecraft lesen, andere vielleicht einmal einen Blick auf meine Eigenkreationen werfen und wieder andere werden niemals ein Buch von H. P. Lovecraft aufschlagen. Aber vielleicht werden diese Leute trotzdem Gefallen an meinen Geschichten finden und sie als das sehen, was sie letztendlich sind – eigenständige Erzählungen, die unterhalten wollen.


Stina: „Musik der Finsternis“ ist der Auftakt zu einer Reihe. Wie wird es weitergehen?


Tim: Auf meinem Schreibtisch stapeln sich Texte, zu denen ich meine eigenen Fassungen im Kopf habe. Irgendwann werde ich mir wieder eine Geschichte aus diesem Stapel ziehen und sehen, wie ich sie erzählen würde. Das wird dann der zweite Teil der Reihe sein. Übrigens sind es nicht nur Texte von Lovecraft. Es gibt eine ganze Reihe großartiger Klassiker. Darum heißt die Reihe ja auch nicht „A tribute to Lovecraft“, auch wenn das so auf dem Buchcover dieser Geschichte steht, sondern nur „A tribute to…“.


Stina: Und was haben wir bis zum Erscheinen des nächsten Teils von dir zu erwarten? 


Tim: Derzeit arbeite ich an einer weiteren Geschichte, die allerdings komplett auf meinem eigenen Mist gewachsen ist. Es wird die umfangreichste Story sein, die ich bisher veröffentlicht habe. 


Stina: Wann können wir damit rechnen?


Tim: Schwer zu sagen. Es hängt von zu vielen Faktoren ab. Ich bemühe mich zwar, täglich zu schreiben, aber als nebenberuflicher Autor gibt es zu viele andere Dinge, die deine Zeit in Anspruch nehmen.


Stina: Kannst du uns schon den Titel der Geschichte verraten?


Tim: Das ist zum Beispiel so eine Frage, die ich mir selbst nicht gestellt hätte. Leider kann ich dazu noch nichts sagen, da sich die Titel bei mir während des Entstehungsprozesses der Geschichte immer mal wieder ändern. Das Cover ist allerdings schon fertig. Daher hoffe ich, dass ich den Titel nicht mehr ändern werde.


Stina: Das Cover ist fertig, bevor du die Geschichte zu Ende geschrieben hast?


Tim: Das ist bei mir immer so. Wenn ich mir relativ sicher über den Titel bin, fange ich an, das Cover zu entwerfen. Während des Schreibens schaue ich es mir dann immer wieder an, ändere manchmal noch Kleinigkeiten. Das fertige Cover inspiriert mich, treibt mich voran. Es gibt mir zusätzliche Motivation. 


Stina: Ein kurzes Wort zu den Covern. Machst du alles selbst?


Tim: Ich entwerfe eigene Ideen und setze sie am Computer selbst um. Ja. Anfangs habe ich dafür auch ausschließlich auf eigenes Fotomaterial zurückgegriffen. Inzwischen nutze ich aber professionelle Fotodatenbanken. Du hast einfach viel mehr Möglichkeiten, wenn du auf Millionen von Bildern zurückgreifen kannst. Bisher habe ich allerdings noch nie ein gekauftes Bild 1:1 als Cover benutzt, sondern es immer nur als eine Art Baustein eingesetzt.


Stina: Zum Schluss noch ein kurzes Statement zum Thema Amazon-Kindle-Direct Publishing?


Tim: Fangen wir mit dem Kindle an. Ich habe relativ lange gebraucht, mich für das Thema Ebooks im Allgemeinen zu erwärmen. Ich bin eher der haptische Typ, der alles in der Hand haben muss. Das gilt übrigens auch für Musik. Ich habe noch nie einen MP3-Song irgendwo runtergeladen (das hat sich aus Platzgründen in meinen CD-Regalen inzwischen geändert, Anmerkung von T. S.). 


Stina: Woher dann der Sinneswandel?


Tim: Offen gesagt wurde das Thema „Ebook“ für mich erst interessant, als ich von der Möglichkeit hörte, selbst Werke bei Amazon zu veröffentlichen. Bis dahin hatte ich schon immer viel geschrieben, aber der Leserkreis war naturgemäß sehr klein. Quasi über Nacht ergab sich dann die Möglichkeit, meine Werke einem viel breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen. Mit einigen Einschränkungen sogar kostenlos (aus Sicht des Lesers betrachtet). Leider haben nur Verlage die Möglichkeit, Werke dauerhaft kostenlos im KINDLE-Shop einzustellen. Für Indie-Autoren ist dies nicht möglich. Darum wird dieses Interview auch „nur“ ein Anhängsel an die Kurzgeschichte „Musik der Finsternis“ werden. Ich käme mir etwas seltsam vor, dafür Geld von jemandem zu verlangen. Aber zurück zu KDP. Plötzlich ergab sich also die Chance, meine Werke in die Breite zu tragen. Und nach den ersten Gehversuchen kam ich schnell auf überraschend viele Downloads. Das war für mich die beste Bestätigung, weiterzumachen. Natürlich musst du dich damit abfinden, dass nie allen alles gefällt, was du tust. Aber insgesamt bin ich über das positive Feedback, das ich bisher erhalten habe, sehr erfreut. 


Stina: Warum der AMAZON-KINDLE? Es gibt viele Ebook-Reader auf dem Markt.


Tim: Das stimmt. Aber die Möglichkeit, über Amazon direkt zu veröffentlichen, machte für mich auch die Wahl des Ebook-Readers sehr leicht. Amazon ist auf diesem Gebiet am weitesten entwickelt und den anderen wird es schwerfallen, Schritt zu halten oder aufzuholen. Der Buchmarkt befindet sich derzeit in einem radikalen Umbruch, dem sich die europäischen Verlage (mit Ausnahme von England) nur langsam öffnen. Bücher werden aus meiner Sicht auf absehbare Zeit nicht verschwinden, aber die Entwicklung zum Ebook wird sich weiter beschleunigen. Ich komme noch einmal zurück auf die Musik. Versuche mal, in Schweden in einer mittelgroßen Stadt ein CD-Geschäft zu finden. Kannst du vergessen. Aufgrund der hohen Download-Raten und dem Versand über das Internet funktioniert dieses Modell nur noch in den wenigen Großstädten. Vor zehn Jahren hätte eine solche Entwicklung niemand für möglich gehalten. Es bleibt also spannend. Und für Autoren, die keinen Verlag haben und trotzdem gerne Schreiben, ist es eine großartige Möglichkeit. Übrigens ist es auch eine große Chance für Kurzgeschichten. Viele Leser lieben sie und trotzdem haben sie kaum noch eine Rolle gespielt. Das hat sich durch den neuen Trend definitiv schon geändert.


Stina: Ein sehr interessantes Thema, über das alleine wir sicherlich noch lange reden könnten. Der eigentliche Grund für unser Gespräch war aber deine neue Kurzgeschichte und die Idee dahinter. Gibt es dazu zum Abschluss noch etwas von deiner Seite zu sagen?


Tim: Siehst du, noch ein Grund, warum ich dich gefragt habe, ob du dieses Gespräch mit mir führst. Ich hätte mich vermutlich noch viel zu lange über andere Themen ausgelassen. Vielleicht holen wir das ja nochmal nach.


Stina: Wenn du wieder in Stockholm bist?


Tim: Zum Beispiel. Bis dahin wünsche ich meinen Lesern viel Spaß und gute Unterhaltung mit meinen Geschichten und danke ihnen, dass sie mir ihre überaus wertvolle Lesezeit zur Verfügung stellen. Und dir, liebe Stina, danke ich für dieses Interview. Und die Zimtschnecken gehen auf mich.

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